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Publikation des FU-„Schlussberichts“ von 2019 im Jahr 2020

(Diese Sektion wurde im Dezember 2020 ergänzt.)

Vorgeschichte der Publikation, Methodik der Prüfung und Inhalte sowie Konsequenzen 2019 bzw. 2020[]

  • Nachdem das Präsidium der Freien Universität (FU) Berlin am 30. Oktober 2019 „einstimmig beschlossen [hatte], Frau Dr. Franziska Giffey für ihre Dissertation eine Rüge zu erteilen und den ihr 2010 vom Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften verliehenen Grad ‚Doktorin der Politikwissenschaft‘ (Dr. rer. pol.) nicht zu entziehen" (Pressemitteilung der FU Berlin), beantragte der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Freien Universität am 31. Oktober 2019 Einsichtnahme nach dem Berliner Informationsfreiheitsgesetz bzw. dem Verbraucherinformationsgesetz in den Bericht des Prüfungsgremiums sowie das Protokoll der Präsidiumssitzung zur Entscheidung der Rüge (s.a. Anfrage und Korrespondenz 2019/20 hierzu). Am 5. Oktober 2020 veröffentlichte der AStA den von der FU erhaltenen „Schlussbericht des Gremiums zur Überprüfung der Dissertation von Frau Dr. Franziska Giffey“ (PDF) und am 6. Oktober 2020 noch eine Anlage („Klassifizierung von Textstellen gemäß des Kategorienschemas“) zum Schlussbericht (PDF).
  • Dem fünfköpfigen Prüfungsgremium, das durch den Promotionsausschuss des Otto-Suhr-Instituts eingesetzt wurde und sich am 9. April 2019 konstituierte, gehörten vier Mitglieder des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften der FU sowie ein externer Hochschullehrer an, von denen laut Schlussbericht niemand am einstigen Promotionsverfahren beteiligt gewesen war; „gleichwohl“ sei das „Gremium im thematischen Bereich der Dissertation [...] sehr gut ausgewiesen“ und „somit inhaltlich und formal geeignet, die Prüfung vorzunehmen“ (S. 1).
  • Die personelle Zusammensetzung des Gremiums wurde am 11. November 2020 durch einen Medienbericht (Martin Spiewak / Manuel J. Hartung: Fehler im System, in: DIE ZEIT, Nr. 47, S. 33; auch online hinter Bezahlschranke) publik.
    Demnach seien „[s]ämtliche im Protokoll genannten Mitglieder des Kontrollgremiums“ mit der Promotionsbetreuerin und seinerzeitigen wie gegenwärtigen Vorsitzenden des Promotionsausschusses Tanja Börzel „verbunden: als Kopf eines Forschungsprojektes (Miriam Hartlapp), als Mitstreiter im Institutsrat (Bernd Ladwig), als Mitprofessorin am Jean Monnet Centre (Barbara Pfetsch), als Mitautor eines Aufsatzes (Ingo Peters). Das einzige externe Mitglied des Gremiums, Edgar Grande, hat mit Börzels Mann Thomas Risse publiziert.“
  • Konkret sollte das Gremium klären, ob
  • die Verfasserin über die Eigenständigkeit ihrer Promotionsleistung getäuscht hatte,
  • eine vorsätzliche Täuschung erfolgt war,
  • Plagiatsstellen die Arbeit als solche qualitativ, quantitativ „und/oder in der Gesamtschau“ prägen. (S. 1)
  • Die wissenschaftliche Qualität der Arbeit war hingegen „ausdrücklich nicht Gegenstand der Prüfung“. (ebd.)
  • In seinem Schlussbericht beanspruchte das Gremium, „sich in einem aufwendigen Verfahren ein eigenständiges Gesamtbild der Mängel der Dissertation“ gemacht und „sich eingehend mit dem Arbeitsstil und der Zitierweise“ der Verfasserin beschäftigt zu haben. (S. 2)
  • Dabei befasste es sich „insbesondere“ mit den in der VroniPlag-Wiki-Dokumentation „identifizierten Mängel[n]“ (S. 1 f.). Konkret heißt es: „Das Gremium machte es sich zur Aufgabe, alle 119 Fundstellen, die Vroniplag als problematisch ausgewiesen hatte, einzeln auf der Grundlage eigener Kriterien zu prüfen.“ (S. 2)
  • Eine darüber hinausgehende eigenständige Untersuchung der Dissertation durch das Gremium ist dem Bericht nach nicht erfolgt.
  • Die Klassifizierung der 119 in der Dokumentation als Plagiate kategorisierten Fundstellen erfolgte seitens des Gremiums mittels eines zweidimensionalen Kategorienschemas:
  • Mittels einer Zahl „wurden Art und Umfang der Übernahme fremder Textteile festgehalten“:
    „(1) die wörtliche Übernahme einer geschlossenen Textpassage, zumindest eines ganzen Satzes; (2) die Paraphrasierung von Texten mit deutlichen wörtlichen Textübernahmen, i.d. R. ganzer Satzteile; und (3) die Paraphrasierung ohne bzw. mit geringfügiger wörtlicher Textübernahme“. (S. 3)
  • Mittels eines Buchstabens „wurde bei jeder Textstelle vermerkt, ob und auf welche Weise die Quelle für diese Textübernahmen genannt wurde“:
    „(A) keine Nennung der Quelle; (B) Nennung der Quelle im unmittelbaren Zusammenhang, aber ohne Möglichkeit der eindeutigen Zuordnung; und (C) Nennung der Quelle im Kontext bei Möglichkeit eindeutiger Zuordnung“. (ebd.)

    Jeder nach Ansicht des Gremiums kategorisierbaren Fundstelle wurde auf diese Weise eine zweistellige Zahl-Buchstabe-Kombination zugeordnet; insgesamt ergaben sich so 9 Kombinationen. Bei 39 Fundstellen sei eine derartige Zuordnung nicht eindeutig möglich gewesen (S. 4) und diese blieben unkategorisiert. Nach Auffassung des Gremiums ermöglichte dieses Vorgehen „eine höchst differenzierte Einordnung von Mängeln bei Quellenangaben und Textübernahmen in der Arbeit“ (S. 3).
  • Von den 80 verbleibenden Fundstellen „wurden insgesamt 29 von dem Gremium als geringfügige Mängel eingestuft. Hierzu zählen 19 Textstellen [sic] die den Kategorien C (Quelle im Kontext genannt, eindeutige Zuordnung möglich) und/oder bei 10 Fundstellen der Kategorie 3 (Paraphrasierung ohne bzw. mit geringfügiger wörtlicher Textübernahme) des Analyseschemas zugeordnet wurden.“ [sic] (S. 4)
  • Bei 27 Textstellen bestand dagegen im Gremium „Konsens darüber“, dass diese „den Tatbestand der ‚objektiven Täuschung‘ erfüllen“. (S. 4)
  • Insgesamt ergab sich folgende Verteilung der kategorisierten Textstellen (wegen Zusammenfassung mehrerer „benachbarter“ Fragmente beträgt die Summe statt 80 nur 76):
  • Kategorie 1 A: 4 Textstellen
  • Kategorie 1 B: 1 Textstelle
  • Kategorie 1 C: 4 Textstellen
  • Kategorie 2 A: 22 Textstellen
  • Kategorie 2 B: 20 Textstellen
  • Kategorie 2 C: 11 Textstellen
  • Kategorie 3 A: 5 Textstellen
  • Kategorie 3 B: 5 Textstellen
  • Kategorie 3 C: 4 Textstellen. (S. 10)
  • In seiner „Schlussfolgerung“ (S. 9) stellt das Gremium fest, „einvernehmlich zu dem Ergebnis gekommen“ zu sein, dass „ein sanktionswürdiges wissenschaftliches Fehlverhalten“ vorliege. Es betont zugleich, „dass sich dieser Fall in wichtigen Aspekten von klassischen Plagiatsfällen“ unterscheide. (Konkretisierungen, welche Plagiatsfälle das Gremium als „klassisch“ erachtet und welche Aspekte in diesem Zusammenhang als „wichtig“, enthält indes weder dieser Abschnitt noch der Bericht insgesamt.)
  • Der Bericht fasst sodann „die Ergebnisse der Gremiumsarbeit in drei Punkten“ zusammen und konstatiert (bei den ersten beiden Punkten jeweils gefolgt von relativierenden Aussagen),
  • dass die Arbeit „eine größere Zahl von Textstellen enthält, die eindeutig als ‚objektive Täuschung‘ zu bewerten sind“,
  • dass „zumindest in den Fällen, in denen eine objektive Täuschung vorliegt, aufgrund der Systematik des Vorgehens auch von einem bedingten Vorsatz ausgegangen werden kann“,
  • dass „trotz der festgestellten Mängel nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden kann, dass es sich bei der Dissertation [...] um eine eigenständige wissenschaftliche Leistung handelt“. (ebd.)
  • Zu den daraus resultierenden Konsequenzen berichtet das Gremium, „lange darüber diskutiert" zu haben, ob eine Aberkennung des Grades gerechtfertigt sei oder „in diesem Fall auch alternative Sanktionsmöglichkeiten angemessen wären“. (ebd.)
  • Die abschließende Empfehlung an das Präsidium der FU, die Verfasserin „für ihr Fehlverhalten zu rügen und den Doktorgrad nicht zu entziehen“, begründet das Gremium mit der Abwägung der Befunde, wonach
  • die Arbeit einerseits, „wenngleich in beschränktem Umfang, den Tatbestand objektiver Täuschung mit bedingtem Vorsatz“ erfülle und sie „erhebliche Mängel hinsichtlich der Standards wissenschaftlichen Arbeitens“ aufweise,
  • andererseits sich diese Mängel „auf einen begrenzten Teil der Arbeit“ konzentrierten „und die Bedeutung der eigenständigen wissenschaftlichen Leistung nicht grundsätzlich in Frage“ stünde. (ebd.)
  • Auf journalistische Anfragen, ob das neue Prüfungsgremium identisch mit jenem von 2019 sein oder sich in seiner personellen Zusammensetzung davon unterscheiden werde, verweigerte die FU zunächst konkrete Auskünfte.
    Am 18. November 2020 informierte sie über das neue Prüfungsverfahren und teilte u.a. mit, dass die Betreuerin der Dissertation „an der Einsetzung des neuen Gremiums nicht beteiligt sein“ werde. Entgegen ihrer Mitteilung vom 6. November gab sie diesmal an, dass die 2019 erteilte Rüge doch nicht aufgehoben sei.
    Es bestehe „der Wunsch, das Verfahren - ungeachtet der Komplexität - möglichst in der Vorlesungszeit des Wintersemesters [2020/21] abzuschließen.“
    Am 12. Dezember 2020 berichtete die Berliner Zeitung (S. 10), dass ein FU-Sprecher auf Anfrage mitgeteilt habe, das angekündigte neue Gremium sei noch nicht eingesetzt worden.
  • Im Oktober 2020 wurden alle Synopsen der Fall-Dokumentation im VroniPlag Wiki um die Angabe der jeweiligen Einzelbewertungen seitens des FU-Prüfgremiums ergänzt, um einen Vergleich zu ermöglichen. Sie finden sich jeweils in den Anmerkungsteilen der 119 Plagiatsfragmente.

Kritik[]

Der „Schlussbericht“ weist eine ganze Reihe von Defiziten bzw. Mängeln auf:

  • 1. Das Überprüfungsgremium der Freien Universität Berlin hat die Prüfung eines zentralen, unmissverständlich erhobenen und für eine mögliche Entziehung des Doktorgrades relevanten Vorwurfs gegen die Verfasserin – nämlich dass bei mehr als 70 Textstellen der Verdacht auf willkürliche Referenzierung vorliegt – stillschweigend übergangen:
  • Selbstverständlich kann eine Täuschung gemäß § 34 Abs. 7 BerlHG nicht nur im Falle der unausgewiesenen Übernahme von Texten vorliegen, sondern auch dann, wenn bewusst falsche Quellenangaben gemacht werden. Beides kann, muss aber nicht zusammen auftreten. Beispielhaft sei hier nur auf die in Fragment 085 29 dokumentierte Textstelle verwiesen, bei der – leicht variiert – aus einer bestimmten Quelle Text übernommen wurde und als Quelle statt dieser selbst 12 (!) andere angeführt werden. Eine solche Praxis führt Wissenschaft ad absurdum. (Im konkreten Fall täuscht die Verfasserin ganz offensichtlich eine Rezeptionsleistung vor, die gar nicht stattgefunden hat; die Beurteilung des Gremiums, hier handele es sich lediglich um „mangelhaftes wissenschaftliches Arbeiten“, unterschlägt diesen Sachverhalt.)

    Da in mehr als nur wenigen Einzelfällen der begründete Verdacht besteht, dass inhaltlich unzutreffende Quellenangaben vorliegen und somit – wie in dem genannten Beispiel – wissenschaftliche Arbeit systematisch und in erheblichem Ausmaß lediglich simuliert und der Leser bewusst in die Irre geführt wird, wäre es die Aufgabe des Gremiums gewesen, diese mehr als 70 Textstellen unter diesem Aspekt zu überprüfen. Das Versäumnis ist umso unverständlicher, als
    • die entsprechenden Fragmente deutlich kenntlich gemacht sind,
    • in den Anmerkungen konkret auf fragwürdige Belege hingewiesen wird und
    • das Gremium laut Schlussbericht „im thematischen Bereich der Dissertation (insbesondere zu Fragen Europäischer Integration, Europäischer Öffentlichkeit, der Europäischen Kommission, der Demokratietheorie und zivilgesellschaftlicher Beteiligung) sehr gut ausgewiesen“ sei (S. 1).
Auf den Vorwurf der willkürlichen Angabe von Quellen in einer Vielzahl von Fällen wird in dem Schlussbericht nicht einmal eingegangen, obwohl – bestätigte er sich auch nur annähernd – dies für sich allein genommen schon einen Grund für die Entziehung des Doktorgrades wegen Täuschung (bzw. wissenschaftlichen Fehlverhaltens) darstellen könnte.
  • 2. Das für seine Erstellung verwendete Kategoriensystem führt zur Weichzeichnung von Plagiaten:
    • Fragwürdig erscheint, dass das Gremium die Einlassung der Rechtsanwälte der Verfasserin, diese „habe auf Anraten ihrer Betreuerin eine amerikanische und ,eher problemorientierte Zitierweiseʻ gewählt“ (S. 4), für Textstellen der Kategorie B („Nennung der Quelle im unmittelbaren Zusammenhang, aber ohne Möglichkeit der eindeutigen Zuordnung“, S. 3) akzeptiert: Die Verfasserin verwendet grundsätzlich – wenn auch i.d.R. nicht lege artis mit Seitenzahlen – die Zitierweise der American Psychological Association (APA). Plausibel erscheint sicherlich, dass ihre Betreuerin Tanja Börzel ihr zu dieser Zitierweise geraten habe, da sie diese selbst (wenn auch ebenfalls nicht lege artis) verwendet. Es bleibt allerdings rätselhaft, warum diese „eher problemorientiert“ sein soll, da auch nach APA Quellenbelege für jede paraphrasierte oder wörtlich zitierte Aussage verlangt werden. Folglich erscheint es ungerechtfertigt, der Verfasserin einen Bonus für die vermeintliche Nichtbeherrschung einer solchen – in der Form nicht existierenden – Zitierweise einzuräumen, so wie das Gremium es tut.

      Auf S. 6 stellt es fest: „Zum anderen verwendet Frau Dr. Giffey diese Zitierweise uneinheitlich und inkonsistent: Bei einigen Textpassagen wird am Ende des Absatz auf Quellen verwiesen; häufig verweist die Autorin aber auch irgendwo im Absatz auf die Quelle, oder aber im vorhergehenden oder folgenden Absatz bei Aussagen, die nicht notwendigerweise in einem Sinnzusammenhang mit der zitierten Aussage stehen müssen. Insgesamt hat der Doktorandin zumindest die Erfahrung in der Anwendung der ,problemorientiertenʻ Zitierweise gefehlt, die von ihr erwartet wurde.“

      Es ist aber nicht ersichtlich, inwiefern hier überhaupt ein Problem mit der Anwendung einer bestimmten Zitierweise vorliegen soll. Auch wenn die Verfasserin häufig auf Seitenangaben verzichtet, so belegt sie, wenn sie „regulär“ arbeitet, paraphrasierte oder wörtlich zitierte Aussagen i.d.R. direkt anschließend durch Angabe einer Quelle. Wenn sie darauf verzichtet, legt dies Täuschung nahe und nicht etwa mangelnde Erfahrung in der Anwendung einer Zitierweise, die so gar nicht existiert.
    • Fragwürdig erscheint auch die Schaffung der Kategorie C („Nennung der Quelle im Kontext bei Möglichkeit eindeutiger Zuordnung“, S. 3) und die Einstufung solcher Textstellen als Bagatellen bzw. Formfehler. Denn die „Möglichkeit eindeutiger Zuordnung“ von Aussagen zur Quelle ergibt sich hierbei nicht etwa für einen gewöhnlichen Leser der Dissertation, sondern nur bei einer – wie in der vorliegenden Dokumentation durchgeführten – Autopsie.

      Wenn man sich z.B. Fragment 013 30 ansieht, so wird der Leser hier über eine Rezeptionsleistung der Verfasserin bzgl. des Titels Dewey (1984) – den es in dieser Form gar nicht gibt – getäuscht, da diese nur etwas abgeändert aus Kersting (2008) abgeschrieben ist. Auch bei einer Betrachtung der Stelle im Kontext ergibt sich für den Leser keine Möglichkeit der eindeutigen Zuordnung der Rezeption zur Quelle Kersting (2008), sondern er muss hier eine eigenständige Rezeption durch die Verfasserin annehmen.

      Die Argumentation des Gremiums, solche Fälle der nicht kenntlich gemachten Zitation aus zweiter Hand – von denen eine Vielzahl in der Arbeit vorkommen – könnten „auch als in der Sache gerechtfertigte Verweise auf Primärquellen gewertet werden, um dem Leser den weiteren wissenschaftlichen Kontext zu erläutern und die vertiefte Beschäftigung mit einem Thema zu erleichtern“ (S. 7), ist wenig überzeugend, denn üblicherweise würde dies in anderer Form (z.B. mit „siehe auch“) geschehen. Zudem kann eine Erläuterung des wissenschaftlichen Kontextes kaum dadurch geschehen, dass auf nicht gelesene Literatur verwiesen wird, und diese Argumentation erklärt auch nicht, weshalb die Verfasserin – in diesem und anderen Fällen – abgeschriebene Aussagen leicht verändert. Mit der Quasi-Legitimierung einer solchen Praxis, die mit der Erbringung einer eigenständigen Forschungsleistung nichts mehr zu tun hat, als „geringfügige Mängel“ oder „Formfehler“ bzw. „Bagatellen“ wird Sekundärliteratur gleichsam zur Plünderung freigegeben.

      Abgesehen hiervon werden solche sogenannten Belegplagiate auch von der Rechtsprechung als sanktionsfähig bewertet.
  • 3. Die Attestierung methodischer Kompetenz ist fragwürdig:
  • Auf S. 8 stellt das Gremium fest: „Gerade im empirischen Teil beweist die Autorin, dass sie durchaus in der Lage ist, eigenständig wissenschaftlich zu arbeiten und bei ihrem Vorgehen die methodischen Standards der empirischen Politikforschung anzuwenden. Bei einer Gesamtzahl von 27 Forschungsinterviews muss diese Eigenleistung auch als substantiell bezeichnet werden.“

    Die Verfasserin war während des Abfassens ihrer Dissertation Europabeauftragte des Berliner Bezirks Neukölln. Die Einrichtungen, deren Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter interviewt wurden, waren zum Teil abhängig von finanziellen Zuwendungen dieses Bezirks (vgl. z.B. Plagiatsfall Giffey: Chronik eines fortgesetzten Versagens von Jochen Zenthöfer, F.A.Z. vom 12. August 2020). Dies wird in der Dissertation weder dargestellt noch kritisch reflektiert. Insofern muss hinterfragt werden, ob „die methodischen Standards der empirischen Politikforschung“ tatsächlich angewendet wurden.
  • 4. Das Präsidium der FU hat trotz des in einem wesentlichen und mitentscheidenden Punkt unvollständigen Schlussberichts in der Sache entschieden:
  • Auf S. 1 des Schlussberichts macht es sich das Überprüfungsgremium – in Anlehnung an ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in einem anderen Fall – zur Aufgabe zu prüfen, ob „die als Plagiat identifizierten Stellen die Arbeit als Ganze quantitativ, qualitativ und/oder in der Gesamtschau prägen und darum die wissenschaftliche Eigenleistung der Promovendin substantiell beeinträchtigen.“ Das Gremium verneint aber lediglich, dass eine quantitative oder qualitative Prägung vorliege; die Frage, ob eine Prägung in einer quantitativ-qualitativen Gesamtschau vorliegt, wird im Schlussbericht dagegen nicht beantwortet. Es bearbeitet die sich selbst gestellte Aufgabe also nur zum Teil.

    Erstaunlicherweise hat das Präsidium der Freien Universität Berlin seine Entscheidung aufgrund eines in einem wesentlichen, mitentscheidenden Punkt unvollständigen Berichtes des Überprüfungsgremiums getroffen – und obwohl dieses Defizit sogar offen zu Tage lag.
  • 5. Eine formelle Prüfung wurde nicht durchgeführt:
    • Im Wesentlichen wurden nur die als Plagiat klassifizierten Fragmente der vorliegenden Dokumentation geprüft; eine darüber hinausgehende Prüfung der Arbeit ist nicht erkennbar.
    • Die Tatsache, dass die Verfasserin eine wahrheitswidrige Erklärung abgegeben hat, derzufolge sie „alle verwendeten Hilfsmittel und Hilfen angegeben und auf dieser Grundlage die vorliegende Arbeit selbständig verfasst“ habe, wird nicht einmal erwähnt; dies hätte bei einem „formelle[n] Prüfungsverfahren“ (S. 1) jedoch geschehen und – wie auch immer – bewertet werden müssen. Bei den 27 Fundstellen, bei denen nach Ansicht des Gremiums eine „objektive Täuschung“ vorliegt, wurden insgesamt vier Quellen verwendet, die weder im Textkorpus noch im Literaturverzeichnis aufgeführt werden.
  • 6. Grundsätzlich sind die Bewertungen des Gremiums durchaus wohlwollend und großzügig. Auf eine systematische Kritik der Einzelbeurteilungen soll hier aber verzichtet – der Leser mag sich selbst ein Urteil bilden – und nur auf sachliche Fehler bzw. Mängel in einzelnen Fällen hingewiesen werden:
  • Fragment 024 26: Jochen Zenthöfer schreibt in der F.A.Z. vom 21. Oktober 2020 (Plagiatsfall: Gefälligkeit für Giffey) speziell zu dieser Stelle:
    „Es ist zwar richtig, dass Allgemeinwissen nicht nachgewiesen werden muss. Bei Giffey soll aber diese Aussage ein Gemeinplatz sein: ‚Jahrzehntelang waren die demokratische Legitimation der Union und ihrer supranationalen Institutionen selbst nicht Gegenstand einer öffentlichen Debatte, da die Europäische Gemeinschaft die ihr von den Mitgliedstaaten zugewiesenen Aufgaben erfolgreich erledigte.‘ Dass das inhaltlich falsch ist, merkt jeder, der über die großen Debatten um die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes seit Mitte der sechziger Jahre und des Bundesverfassungsgerichts seit Mitte der siebziger Jahre recherchiert.
    Man darf auch bezweifeln, dass die gesamte Öffentlichkeit damals der Ansicht war, der europäische Zusammenschluss sei erfolgreich. Erinnert sei an die französische Politik des leeren Stuhls in den Jahren 1965 und 1966. Giffeys unreflektiert kopierte Aussage kann man also bei bestem Willen nicht als ‚Gemeinplatz‘ bezeichnen. Außerdem entschuldigt Allgemeinwissen zwar das Fehlen eines Belegs, aber nicht, dass man statt der angegebenen Primärquelle aus einer Sekundärquelle schöpft. Auch das hat die Rechtsprechung im Schavan-Urteil festgehalten.“
  • Fragment 031 20: Auf die Tatsache, dass hier auch eine Zitation aus zweiter Hand – der Titel Gerhards / Neidhardt (1991) und Somers (1998) – erfolgt, geht das Gremium nicht ein.
  • Fragment 034 11: Zur Begründung der Bewertung heißt es: „Paraphrasierung von Eder, spätere Verwendung des Gedankens in der Sekundärliteratur irrelevant“. Im Literaturverzeichnis der Verfasserin gibt es nur einen Titel mit Eder als Alleinautor (Eder, Klaus, 2003: Öffentlichkeit und Demokratie. In: Jachtenfuchs, Markus / Kohler-Koch, Beate [Hrsg.]: Europäische Integration. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2. Auflage, S. 85 - 120). Dort kommt die Aussage „Diese politische Öffentlichkeit ermöglicht den Bürgern, zur gleichen Zeit zu gleichen Themen von gleicher Relevanz Stellung zu nehmen.“ weder so noch ähnlich vor.
    Auch falls statt Eder hier Habermas gemeint sein sollte: Letzteren hat die Verfasserin offenbar nicht rezipiert.
  • Fragment 037 01: Zur Begründung heißt es: „Es ist nicht auszuschließen, dass die eigentliche Quelle Kocka ist und nicht, wie von Vroniplag vermutet, Liebert/Trenz.“ Auch wenn Kocka (2000) Hegel und Marx erwähnt und den Begriff „bürgerliche Gesellschaft“ verwendet, findet sich ein ähnlicher Wortlaut bei diesem jedenfalls nicht. Allem Anschein nach handelt es sich hier eben doch um eine Übersetzung aus Liebert / Trenz (2008).
  • Fragment 041 05: Hier vertritt das Gremium die Auffassung, bei diesem Fragment handele sich um „[k]ein reines Übersetzungsplagiat von Liebert/Trenz, enthält eigene Gedanken“. Allerdings lassen sich zu allen Aussagen auf der linken Seite der Synopse Entsprechungen auf deren rechter finden.
  • Fragment 047 20: Zur Begründung heißt es: „Zitierfehler; Autor wurde korrekt benannt, nicht jedoch das Werk (falsches Jahr)“. Diese Argumentation ist nicht haltbar, da das angeblich lediglich irrtümlich genannte Werk
    Protestmobilisierung in Netzwerken. Revitalisierung oder Selbstblockade zivilgesellschaftlicher Protestformen in der EU?
    von Trenz sich auch auf der rechten Seite der Synopse findet – es also als Belegplagiat von der Verfasserin mit übernommen wurde. Von einem bloßen „Zitierfehler“ kann hier keine Rede sein.
  • Fragment 070 17 / Fragment 070 24: Diese beiden Textstellen wurden zusammen bewertet (vgl. PDF-Datei des Schlussberichts mit Anlage, S. 10 u. 15), obwohl es sich um unterschiedliche Quellen handelt.
  • Fragment 085 12: Die Begründung des Gremiums für die Nichtkategorisierung lautet: „Hier handelt es sich um eine korrekte Nutzung amerikanischer Zitierweise“. Was auch immer an der Zitierweise „amerikanisch“ sein soll: Tatsache ist, dass die Verfasserin hier eine Rezeption eines Dokumentes der Europäischen Kommission (1997) von Smismans (2005) übernimmt, ohne dies kenntlich zu machen (Begründung siehe Anmerkung). Selbstverständlich ist dies nicht korrekt und keine Wissenschaft lege artis.
  • Fragment 086 30: Die Begründung des Gremiums für die Nichtkategorisierung lautet: „Verweis auf das Originaldokument, nicht als Paraphrase identifizierbar“. Aufgrund der deutlichen wörtlichen Übereinstimmungen mit Smismans (2005) ist der betreffende Satz allerdings doch als Paraphrase identifizierbar. Der Punkt ist außerdem, dass die Verfasserin eine Rezeptionsleistung Smismans bzgl. des Weißbuches der Europäischen Kommission übernimmt; dass auf dieses („das Originaldokument“) verwiesen wird, ändert nichts daran – sie paraphrasiert nicht aus dem Weißbuch.
  • Fragment 088 09: Die Begründung des Gremiums für die Nichtkategorisierung lautet: „Verweis auf das Originaldokument, nicht als Paraphrase identifizierbar“. Aufgrund der deutlichen wörtlichen Übereinstimmungen mit Smismans (2005) ist eine Identifizierbarkeit als Paraphrase jedoch gegeben. Der Verweis auf das Originaldokument bezieht sich zudem nur auf den letzten Satz, nicht auf die beiden Sätze zuvor.
  • Fragment 100 18: Dieses Fragment subsummiert das Gremium unter Kategorie 3 („Paraphrasierung ohne bzw. mit geringfügiger wörtlicher Textübernahme“). Tatsächlich wird aber mehr als die Hälfte des Wortlauts – wenn man von den sechs willkürlich referenzierten Titeln in der Klammer am Ende des Satzes absieht – aus der Quelle übernommen.
  • Fragment 209 20: Die Begründung des Gremiums für die Nichtkategorisierung lautet: „Unspezifisch, Zuordnung nicht möglich“. Was genau mit „[u]nspezifisch“ gemeint sein soll, erschließt sich nicht; offensichtlich ist jedenfalls, dass die Verfasserin die Quelle als Vorlage nutzt und nicht nennt. (Beim anschließenden Fragment 210 02 ließe sich möglicherweise argumentieren, dass der Inhalt eher trivial ist.)
  • Fragment 211 20: Die Begründung des Gremiums für die Nichtkategorisierung lautet: „Gemeinplatz, nicht zweifelsfrei als Paraphrase identifizierbar“. Auch wenn man hier möglicherweise zustimmen mag, dass es sich um einen Gemeinplatz handelt, bleibt unklar, warum der Satz nicht zweifelsfrei als Paraphrase identifizierbar sein soll: Er wird beinahe wörtlich übernommen und ist insofern eine noch deutlichere Übernahmeform als eine Paraphrase.
  • 7. Auffällig ist schließlich auch die geringe Sorgfalt, mit der der Bericht und dessen Anlage verfasst wurden:
  • Auf S. 3 des Berichts heißt es:
    „Zunächst wurde jede von Vroniplag monierte Textstelle von jedem der Gremiumssmitglieder [sic] unabhängig geprüft und, soweit einschlägig, in das Kategorienschema eingeordnet.“
  • Auf S. 4 heißt es:
    „Bei diesen Fundstellen handelt es sich meistens entweder um Allgemeinplätze wie etwa generische Beschreibungen des EU Integrationsprozess [sic] (‚Friedensprozess‘) oder der EU Institutionen [sic] (‚Motor der Integration‘) oder um eine wenig auffällige Aneinanderreihung allgemein geläufiger Ausdrücke.“
  • Ebenda heißt es stark ungrammatisch und mit einem fehlenden Komma:
    „Hierzu zählen 19 Textstellen [sic] die den Kategorien C (Quelle im Kontext genannt, eindeutige Zuordnung möglich) und/oder bei 10 Fundstellen der Kategorie 3 (Paraphrasierung ohne bzw. mit geringfügiger wörtlicher Textübernahme) des Analyseschemas zugeordnet wurden.“ [sic]
  • Auf S. 5 heißt es:
    „Die für gravierende Fälle von Wissenschaftsplagiaten charakteristische wörtliche Übernahme bzw. Umarbeitung von größeren Textteilen, die Übernahme von Daten bzw. Forschungsergebnissen oder die Übernahme origineller Gedanken bzw. Erkenntnissen [sic] konnten in der Arbeit von Frau Dr. Giffey nicht gefunden werden.“
  • Auf S. 7 heißt es:
    „Das Gremium war bei der Diskussion der Relevanz der Beanstandungen mit den Argumenten von Vroniplag konfrontiert, die sich in diesem Punkt darauf stützt [sic], dass nach ihrer Zählung in allen Kapiteln der Arbeit fehlerhafte Stellen seien.“
  • Auf S. 9 heißt es:
    „Die Textstellen, in [sic] denen zweifelsfrei eine ,objektive Täuschung [sic] vorliegt, sind weder quantitativ noch qualitativ so gravierend wie von Vroniplag behauptet.“
    Statt „in“ müsste es idiomatisch „bei“ heißen und nach „Täuschung“ fehlt ein Abführungszeichen.
    Eine Behauptung, die Verfasserin habe getäuscht, wird zudem in der am 9. Mai 2019 veröffentlichten 254-seitigen Dokumentation gar nicht aufgestellt.
  • Auf S. 1 der Anlage heißt es bei der Begründung zu Fragment Nr. 01117:
    „Paraphrasierung mit geringfügigen Textübernahme [sic] aus nicht genannter Quelle“
  • Auf S. 2 heißt es unter der Begründung zu Fragment Nr. 03613:
    „Vorbemerkung zu Seiten 36 bis 40: Bei der Bewertung der hier enthaltenen Fragmente ist zu berücksichtigen, dass die maßgebliche Quelle Kocka 2000 ist und Giffey auf diese immer wieder verweist. Diese 4 [sic] Seiten müssen im Zusammenhang gesehen werden.“
    Weder der Ort der Vorbemerkung, die eigentlich über der Begründung hätte stehen müssen, noch die Anzahl der durch sie erfassten Seiten stimmen.
  • Auf S. 3 heißt es:
    „Vorbemerkung zu Seiten 46 bis 48: Bei der Bewertung der hier enthaltenen Fragmente ist zu berücksichtigen, dass die maßgebliche Quelle Kersting ist und Giffey auf diese immer wieder verweist. Diese 2 [sic] Seiten müssen im Zusammenhang gesehen werden.“
    Hier stimmt die Anzahl der durch die Vorbemerkung erfassten Seiten nicht. Da die Quelle Kersting (2008) aber auf S. 47 der Dissertation nicht erwähnt wird, meint das Gremium statt „46 bis 48“ möglicherweise auch „46 und 48“.
  • Auf S. 6 heißt es unter den Begründungen zu den Fragmenten Nr. 20328, 20501 und 20511:
    „Vorbemerkung zu Kapitel 5: Die Monita haben keinen Einfluss auf die sachliche Eigenständigkeit der Schlussfolgerung, dem Vorwurf von VroniPlag kann insofern nicht gefolgt werden.“
    Diese Vorbemerkung hätte eigentlich vier Zeilen weiter oben stehen müssen, da Kapitel 5 der Dissertation bereits auf S. 198 beginnt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Schlussbericht – insbesondere aufgrund des unter Punkt 1 ausgeführten Sachverhalts – mangelhaft und in der vorliegenden Form nicht geeignet ist, die in der Dokumentation aufgezeigten Verstöße gegen die Gute wissenschaftliche Praxis in der Dissertation der Verfasserin adäquat zu bewerten.