Forum: Übersicht > Umgang mit Standard-Definitionen
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Hallo liebe Netzgemeinde,

mir stellt sich im Rahmen meines Studiums und der derzeit aufkommenden Plagiatsberichten folgende Frage. Wie ist mit sog. "Standard-Definitionen" gerade im juristischen Bereich bei Hausarbeiten/Seminararbeiten/Schwerpunktarbeiten/Dissertationen umzugehen? Um mein Problem zu verdeutlichen, verweise ich auf das einfache Beispiel "Vorsatz" der allgemein annerkannt als "Wissen und Wollen der Tatbestandsverwirklichung" definiert wird. Andere Beispiele könnten mit beliebigen anderen Einheitsdefinitionen von Tatbestandsmerkmalen gebildet werden (z.B. Wegnahme, Täuschung, Irrtum usw.). In annerkannten Kommentaren, Lehrbüchern und Aufsätzen findet man bei juristischen Definitonen trotz wörtlicher Übernahme keine Anführungszeichen, sondern nur eine Fußnote mit der Autorenschaft. Dies scheint also geduldet?

Ich bin mir völlig im klaren, dass wörtliche Zitate grundsätzlich in Anführungszeichen stehen müssen und mit einer Fußnote belegt werden müssen. Man will ja wissenschaftlich korrekt arbeiten. Eine Pharaphrase als Ausweg bietet sich für diese Standarddefinitionen ebenfalls nicht an, denn durch eine eigenständige Formulierung wird sehr oft der Inhalt/Wortlaut "verfälscht" auf den es gerade in juristischen Arbeiten stark ankommt.

Für konstruktive Anregungen zum korrekten wissenschaftlichen Arbeiten in diesen vorgenannten Fällen bin ich dankbar.

Grüße! Euer Sprinter!

Hallo lieber Sprinter. Sie haben es doch toll vorgemacht. Setzen Sie einfach Anführungszeichen drumherum, wenn es nicht Ihre eigenen Worte sind. Das ist doch schonmal ein guter Anfang! Nun kommt Ihnen das aber zu platt vor, oder Sie kennen keine Quelle? Dann schlage ich vor, besorgen Sie sich ein Standardlehrwerk (bzw. schreiben Sie in der Bibliothek und holen Sie es sich dort an ihren Tisch) oder benutzen Sie Wikipedia (wenn auch nur indirekt, um schauen zu können, wo Sie noch fündig werden bzgl. Quellen). Benötigen Sie solche Formulierungen eigentlich unbedingt wörtlich? Falls ja, da sie so unveränderbar als Definition stehen, werden Sie sie auch sicherlich in einem Standardlehrwerk finden können. Sie dort zu lokalisieren hilft Ihnen sicher auch bei der Durchdringung der Grundlagen Ihres Themas, schadet also bestimmt nicht. Dann geben Sie das als Fußnote an ("z.B. gem." oder "siehe z.B.")
Evtl. kommen Sie auch noch damit durch, allein die Anführungszeichen zu haben, solange Sie sich sonst im Text drumherum nichts zu Schulden kommen lassen. In der Wikipedia wird ja bei dem konkreten Beispiel aus dem Satzzusammenhang klar, dass mehrere andere Quellen den Vorsatz eben so definieren. Dann kann die Quellenangabe zumindest entfallen, ohne dass man Ihnen unterstellen kann, sich das selbst angemaßt haben zu wollen.
Sollten Sie solche Stellen ständig und immer wieder in Ihrem Text haben, schlagen Sie evtl. ein gutes Buch zu Ihrem Thema auf und schauen Sie mal nach, wie es dort gelöst wurde. Falls Sie keins finden, können Sie vielleicht auch Ihren Text anders aufbauen. Martin Klicken 20:21, 13. Jun. 2011 (UTC)
Zur Frage der Standarddefinitionen siehe auch http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Forum:Wikipedia_als_Quelle#Standard-Definitionen.
Es gibt dieses Phänomen von Definitionen, die sich in einem langen Prozess der wissenschaftlichen Auseinandersetzung so standardisiert haben, dass sie kaum noch paraphrasiert werden können und bei denen sich die erstmalige Verwendung der gerade weitgehend anerkannten Definition kaum oder gar nicht mehr ausfindig machen lässt. Wenn aus diesem Kontext jedem fachlich vorgebildeten Leser klar ist, dass diese Definition nicht als eigene Leistung verstanden werden soll, würde ich die fehlenden Anführungszeichen nicht als Plagiat werten, auch wenn man sie mühelos hätte setzen können.
Im Bereich Rechtswissenschaft ist mir auch schon aufgefallen, dass man es offenbar nicht für notwendig hält, wörtliche Zitate aus Gesetzestexten oder aus Urteilen in Anführungszeichen zu setzen, solange die Quelle offenbart wird. Das ist bedauerlich, aber solange das allen Beteiligten klar ist, das hier ein Gesetz oder ein Urteil nahezu wörtlich wiedergegeben wird, würde ich wieder zögern, ein solches Zitat wegen fehlender Anführungszeichen als Plagiat zu werten. Es geht ja immer darum, dass man fremde geistige Leistungen als eigene ausgibt. PlagProf:-) 20:50, 13. Jun. 2011 (UTC)
Eine wichtige Fragestellung, lieber Sprinter! Was Jura anbelangt, kann ich leider nichts beitragen, sondern nur immer wieder erstaunt sein, was dort alles erlaubt und möglich ist. Den Studenten der Mint Wissenschaften (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) jedoch kann ich nur immer wieder den Balzert ans Herz legen. Ich habe jedenfalls noch nichts Besseres zum Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten gelesen. Herzl. Gruß, Ihr HgR 08:55, 14. Jun. 2011 (UTC)
Nachtrag 14.6.2011:
Vielen Dank für die zahlreichen Antworten. Das wissenschaftliche Arbeiten in den Rechtswissenschaften ist so eine Sache für sich.;) Erschwerend kommt für die vorgenannten juristischen Arbeiten hinzu, dass Professoren und Doktoranden ihren Studenten sehr eindringlich nahelegen wörtliche Übernahmen zu vermeiden, gleichwohl aber wissen, dass es bei juristischen Standarddefinitionen kaum bzw. keinen Raum für Pharaphrasen gibt. Grüße, Sprinter!
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Noch eine Anmerkung: Aus meiner Sicht sind die Anführungszeichen nicht zwingend erforderlich, sofern Beginn, Ende und Quelle des Zitats eindeutig erkennbar sind.
Dies ist zugegebenermaßen im MINT-Bereich einfacher, da man eh Definitionen und Theoreme mit eigenen Überschriften versieht. Wenn ich also schreibe "Definition 2.14 (Verband) [siehe z.B. Birkhoff 1948]", dann ist klar, dass die folgende Definition von dort zitiert wurde.
Aber auch wenn ich schreibe "Die folgende Definition des Vorsatzes wird zitiert aus (xy 19zz):" und es folgt ein eingerückter oder kursiv gesetzter Abschnitt, dann ist meiner Auffassung nach die Übernahme auch ohne Anführungszeichen ausreichend gekennzeichnet.
Wichtige Definitionen in Anführungszeichen zu setzen fände ich ehrlich gesagt auch ästhetisch ungünstig, und ich habe das gerade im MINT-Bereich auch noch nicht so gesehen.
Stephan Lehmke 03:37, 15. Jun. 2011 (UTC)
Das stimmt ganz allgemein. Zitate werden oft durch Einrücken gekennzeichnet. Wichtig ist, dass dem Adressatenkreis klar ist, dass es sich um ein ZItat handelt. Dasselbe würde ich auch für Standarddefinitionen gelten lassen. Damit lässt sich auch die diskutierte Praxis bei den Rechtswissenschaften erläutern. Schreibt beispielsweise jemand:
"Nach Artikel 3 Absatz 3 Satz 1 Grundgesetz darf niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."
dann beinhaltet das ein wörtliches Zitat von "wegen" bis "werden". Es würde auch nicht schaden, das in Anführungszeichen zu setzen. Trotzdem wird wohl niemand ernstlich verlangen, dass als Plagiat zu werten, nur weil die passenden Anführungszeichen nicht gesetzt wurden.
PlagProf:-) 10:11, 15. Jun. 2011 (UTC)

Wie auch immer man ein Zitat (und, mindestens genauso wichtig, seine Quelle) angibt - Hauptsache es ist klar als solches erkennbar. Wenn man also sagt, o weh, ich habe Angst vor Anführungszeichen, ich würde Zitate lieber in fetter lila Schrift, grün unterstrichen setzen (igitt!) dann ist das für mich als Prüfer auch in Ordnung. Solange man das konsistent durchzieht. Und der Rest der Arbeit nicht lila/grün ist, klar. Aber so wie Chatzi & Co es machen, fünf Seiten Prosa, ab und zu mal eine Fußnote eingestreut "nun sucht mal schön, ich habe eine alternative Methode verwendet, huahua" ... nein, also so geht es nicht. HgR 11:17, 15. Jun. 2011 (UTC)

Ganz meine Meinung. Ist bei GC inwzschen auch die "vierte Methode" aufgetaucht - wörtliche Wiedergabe ohne Kennzeichnung als Zitat und ohne Angabe der Quelle in der Umgebung des Zitats?
PlagProf:-) 12:02, 15. Jun. 2011 (UTC)
@PlagProf:-)
Sehe ich eigentlich genauso, solange das Zitat für den gebildeten Leser als solches qualifizierbar ist, dürfte es keine Probleme geben. Das Problem ist bloß, das wenn juristische Arbeiten von Laien gelesen werden und wörtliche Übernahmen nur mit einer Fußnote gekennzeichnet werden, der Vorwurf eines Plagiats öfters gleich im Raum steht. Obgleich dies eigentlich so gängige Praxis ist.
Grüße!
Hallo,
so sehe ich das auch, dass eine Fußnote, welche gerade nicht mit "vergleiche (vgl.)" oder "siehe (s.) eingeleitet wird, ein wörtliches Zitat belegt. Die zitierte Definition bzw. der zitierte Satz muss nämlich - wissenschaftlich korrekt - eins zu eins übernommen werden, so wie in der Quelle vorhanden. Ansonsten würde der zitierten Autorin / dem zitierten Autor buchstäblich etwas in den Mund gelegt. Anderenfalls muss mit "vergleiche" oder "siehe" als Fußnoteneinleitung verdeutlicht werden, dass lediglich derselbe Gedanke (siehe) oder lediglich ein vergleichbarer Gedanke (vergleiche) übernommen worden ist.
Grüße.
88.78.167.64 18:29, 16. Jun. 2011 (UTC)
Dinge, die evident oder allgemein bekannt sind, dürfen nicht zitiert werden (Möllers, aaO, Rdn. 440). Evident ist nach Wiki ein Sachverhalt, der unmittelbar ohne besondere methodische Aneignung klar auf der Hand liegt. Damit korrespondiert, dass nur Texte zu zitieren sind, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen (Möllers, aaO, Rdn. 475), da nur bei diesen eine methodische Aneignung prägend ist. Kennzeichnungspflichtig sind daher auch nur "Rechtsmeinungen" oder "Thesen" (Möllers, aaO, Rdn. 432) oder "Argumente", was die gesamte Rechtsprechung zum Entzug von Titeln so sieht. "Die reine Dastellung der Rechtslage" ist im Übrigen "noch keine wissenschaftliche Leistung" (Möllers, aaO, Rdn. 271). Ein Wissenschaftsplagiat scheidet in diesem Bereich daher von Anbeginn aus. Die Definition des Vorsatzes ist daher nicht mit einem Zitat zu versehen. 17. Jul. 2011, 22:06 85.176.164.234
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"Dinge, die evident oder allgemein bekannt sind, dürfen nicht zitiert werden (Möllers, aaO, Rdn. 440)."
Eine ähnliche Richtlinie gilt auch in anderen Fächern, sagen wir Sozial- und Geisteswissenschaften. Streichen wir vielleicht das "dürfen". Man kann das machen. Wie diese Ähnlichkeit für andere Fachbereiche zu explizieren ist, möchte ich an dieser Stelle aber nicht zu demonstrieren suchen.
Eine allgemeine Bemerkung:
Für einige sind Zitierregeln wie mathematische Formeln, die entweder, wenn sie korrekt angewendet werden, das korrekte Ergebnis zeitigen, oder umgekehrt das falsche. Es ist fraglich, ob man so der Komplexität der Fragen gerecht wird. Ebenso, ob einige die vielfältigen Zusammenhänge kennen, die nötig sind, um auf die Jagd nach Plagiaten zu gehen.
Nun, heute habe ich als Nicht-Lateiner wieder etwas Neues gelernt: Fortiter in re, suaviter in modo.
Eine Maxime, die auch auf dieser Plattform einigen gut zu Gesicht stehen würde.
Disclaimer:
Eklatante Fälle von unsauberem Arbeiten sollten schon entsprechend geahndet werden.
gez. YO
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